In
Deutschland sind rund zwei Millionen Menschen pflegebedürftig. Doch
nicht selten müssen die Betroffenen unter menschenunwürdigen Umständen
leben. Die Altenpflegerin Brigitte Heinisch deckt in ihrem Buch "Satt
und sauber?" die Missstände in Heimen auf und liefert eine fundierte
Kritik am deutschen Pflegesystem.
Die
alte Frau liegt apathisch in ihrem Bett. Wenn man sie anspricht,
reagiert sie kaum. Ernährt werden muss sie über eine Magensonde - ein
Mensch in diesem Zustand lebt gewöhnlich nicht mehr lange. Doch das
Glück ist an ihrer Seite: Sie findet Aufnahme in einer betreuten
Wohngemeinschaft für demenzkranke Menschen. Hier haben Pflegerinnen und
Pfleger noch Zeit, sich der alten Frau zu widmen, sie zu fördern, ihr
zuzuhören. Nach nur einem Jahr sitzt sie morgens mit am Tisch, isst
eigenständig, manchmal lacht sie sogar.
So kann es aussehen,
wenn Pflege gelingt - die betreute Wohngemeinschaft ist der neue
Arbeitsplatz von Brigitte Heinisch, jener streitbaren Altenpflegerin,
die sich vor einigen Jahren entschloss, dem Schweigen über die
Missstände in Altersheimen ein Ende zu machen, vor die Gerichte zu
ziehen, die Öffentlichkeit zu suchen. Sie saß vor Fernsehkameras und in
Talkrunden, erhielt Preise für Zivilcourage. Nun ist im Rowohlt Verlag
ihr autobiografischer Report "Satt und sauber?" erschienen. Was
Brigitte Heinisch erzählt, lässt einem die Haare zu Berge stehen: Da
ist der ehemalige Unternehmensleiter, der das Pflegeteam im Heim
allmorgendlich mit nassen Hosen begrüßt, nicht selten hat er das ganze
Bad mit seinen Ausscheidungen verziert. Drei Minuten bleiben für seine
Versorgung. Stöhnend liegt die Brustkrebspatientin im Endstadium ihrer
Krankheit im Bett. Schmerzmittel erhält sie nicht - die sind
ausgegangen, um Ersatz kümmert sich niemand. Die achtzig Kilo schwere
Frau M. ist so schwer in den Waschraum zu bugsieren, dass die
überarbeiteten Pflegerinnen - aus Personalmangel und wider alle
Vorschriften allein im Raum - irgendwann auf jegliches Duschen und
Baden verzichten. Eine andere "Pflegekundin", so der Jargon der
Heimbetreiber, leidet unter Schluckbeschwerden. Sie magert auf 35
Kilogramm ab, weil niemand die Zeit findet, ihr Essen zu geben.
Altenpflege
ist grundsätzlich ein schwieriger Beruf, räumt die Autorin an vielen
Stellen ihres Buches ein, das mit Hilfe des einfühlsam und klar
formulierenden Biografen Andreas Schug entstand. Dass Demenzkranke aus
Verwirrung aggressiv werden können, Schlaganfallpatienten den Verlust
ihrer Bewegungsfreiheit betrauern und depressiv werden, Hochbetagte die
Hoffnung auf jugendlich-beschwingte Zeiten verlieren, ist niemandes
Schuld. Ausgetrocknete, abgemagerte, ungewaschene, wundgelegene,
festgebundene Alte aber sind es. Immer wieder wird Brigitte Heinisch
bei der Pflegeleitung der Heime, in denen sie arbeitet, vorstellig,
fordert die Aufstockung des Personals, macht auf eklatante Verletzungen
geltender Vorschriften aufmerksam, organisiert den gemeinsamen Protest
völlig überarbeiteter Pflegerinnen und Pfleger. Im Gegenzug wird noch
mehr Personal gestrichen, Brigitte Heinisch wird gemobbt, der
Verletzung von Arbeitnehmerpflichten bezichtigt und schließlich
entlassen. Für ihre Sensibilität zahlt sie mit Burnout-Symptomen und
Depressionen. Unterstützt von einem Solidaritätskreis finden sie
schließlich die Kraft, gegen ihre Entlassung vor Gericht zu ziehen.
Teils kann sie sich durchsetzen, teils erlebt sie neue Rückschläge, als
eine Richterin ihr das Recht abspricht, per Flugblatt gegen ihren
Arbeitgeber zu protestieren. Inzwischen hat Brigitte Heinisch gegen
Vivantes - Berlins größten Betreiber von Krankenhäusern und
Pflegeeinrichtungen - Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte erhoben.
Mit ihrem Bericht will Brigitte
Heinisch aufrütteln, und so lebt das Buch von den vielen persönlich
erlebten Vorfällen und Schicksalen. Doch immer wieder stellt die
Autorin auch politische Bezüge her und bettet ihre Beobachtungen in
eine grundsätzliche und fundierte Kritik am Pflegesystem ein. Der
Anhang liefert dazu eine Auswahl von Aufrufen und Grundsatztexten zur
Verbesserung der Pflegesituation, ergänzt durch Kontaktadressen zu
engagierten Verbänden. Für Brigitte Heinisch ist klar: Die
Verwahrlosung der Pflegeheime resultiert aus den unverantwortlichen
Privatisierungen im Gesundheitswesen. Während die Altenpfleger schwer
leidende Menschen in hoffnungslos unterbesetzten Schichten im
Dreiminutentakt abfertigen sollen, halten die Unternehmensleiter
Vorträge über "Pflegeeinrichtungen als Profit-Center" - und streichen
die nächsten Stellen.
Rezensiert von Susanne Billig
Brigitte Heinisch: Satt und sauber? Eine Altenpflegerin kämpft gegen die Pflegenotstand
Unter Mitarbeit von Andreas Schug geschrieben
Rowohlt Verlag, Oktober 2008
224 Seiten, 12,00 Euro